Parfum war lange einfach zu lesen: ein Werkzeug der Verführung, ein Statussymbol, eine Erweiterung sozialer Codes. Doch in einer Zeit, in der Identitäten fließender werden, bekommt ein oft übersehener Sinn eine neue Bedeutung: der Geruch. Parfum ist heute nicht mehr nur Luxusaccessoire oder Verführungsinstrument, sondern wird mit neuer Bedeutung aufgeladen – als soziales Statement, als kulturelle Markierung und als Mittel olfaktorischer Selbstverortung. Noch vor wenigen Jahrzehnten war der Zweck eines Parfums klar umrissen: Es sollte betören. Männer trugen Holz, Leder, Vetiver. Frauen trugen Blumen, Moschus, Vanille. Der Duft war Erweiterung der Geschlechterrolle, ein unsichtbares Kleid. Heute sind solche Narrative brüchig geworden. Die Duftlandschaft von heute ist komplexer geworden. Sie spricht leiser, vielstimmiger – und vor allem individueller. Die Generation, die sich nicht mehr über Besitz, sondern über Haltung definiert, fragt nicht mehr: Was sagt dieser Duft über mich aus? – sondern: Was spiegelt er in mir wider? Statt fremden Idealen zu folgen, wird der eigene Geruch zur Erzählung: situativ, sensibel, widersprüchlich. Es geht nicht mehr darum, wie man wirken will – sondern wie man gerade ist. Parfum wird nicht mehr getragen, es wird verkörpert. Es soll weniger darstellen als widerspiegeln: Stimmungen, Haltungen, Widersprüche. ImPROFILE 4/2025 18 schönheit MARKEN+MENSCHEN
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