Profile 4-2025

„Du riechst heute nach dir“ – das ist ein Satz, den man nicht googeln kann. Und doch verstehen wir ihn sofort. In der Welt des Parfums gibt es eine eigene Sprache, die sich nicht an Regeln hält – sondern an Erinnerungen, Atmosphären, Hauttemperaturen. Die Sprache der Parfümerie ist eine stille. Und gleichzeitig hoch aufgeladen: sozial, emotional, kulturell. Wir nennen sie Sillage, wenn ein Duft noch im Raum steht, obwohl sein Träger längst verschwunden ist. Wie eine olfaktorische Handschrift – oder ein Schatten. Sillage ist kein technischer Wert, sondern ein Versprechen: dass jemand Eindruck hinterlässt. Manchmal ungewollt, immer unausweichlich. Andere Begriffe der Parfümsprache wirken fast medizinisch: Projection etwa – die Duftprojektion, also wie weit sich ein Parfum ausbreitet. Wie laut ein Mensch riecht. Man könnte auch sagen: die Duftpersönlichkeit. In Zeiten, in denen Nähe neu verhandelt wird – durch Pandemie, durch digitale Distanz, durch neue Schamgefühle – ist Projektion längst mehr als ein Produktmerkmal. Sie ist ein soziales Statement. Dann gibt es Düfte, die bleiben ganz nah an der Haut. Skin Scents nennt man sie. Sie flüstern statt zu schreien. Sie sind oft sauber, moschuslastig, intim. Sie behaupten nichts – sie gehören dir. Für viele sind sie der wahre Luxus: unsichtbar für andere, spürbar für sich selbst. Und dann: Aura. Ein Begriff, der aus der Esoterik oder der Kunsttheorie kommen könnte. Doch auch in der Parfümerie meint er mehr als einen bloßen Geruch. Aura ist Wirkung. Stimmung. Selbstbild. Vielleicht sogar das, was bleibt, wenn man den Duft längst nicht mehr wahrnimmt. Aura ist der olfaktorische Ausdruck einer Idee von sich selbst – bewusst oder unbewusst. Diese Duftcodes sind keine bloßen Fachbegriffe. Sie erzählen von einem kulturellen Wandel. Während das Parfum früher oft mit Status, Verführung und Eindeutigkeit verknüpft war – Chanel No. 5 für die Dame, Drakkar Noir für den Mann – erleben wir heute eine neue Sprache der Duftidentität: vielstimmiger, fragiler, oft widersprüchlich. Wir erleben sheere Düfte, die kaum da zu sein scheinen. Linear fragrances, die keine Entwicklung zeigen – sondern konsequent sind. Haute Parfumerie, die sich von der Masse absetzt, ohne laut zu sein. Oder shadow scents – imaginierte Düfte, die den Charakter eines Menschen spiegeln sollen, nicht nur seine Haut. Diese Begriffe sind mehr als Vokabular. Sie sind Symbole eines neuen Verständnisses von Duft: als Medium der Intimität, der Erzählung, der Unsichtbarkeit. Wer sie spricht, spricht nicht nur über Parfum – sondern über Nähe, über Erinnerung, über das Ich. Und vielleicht ist das der größte Code von allen: dass das, was man nicht sehen kann, manchmal am stärksten wirkt. Wir riechen, bevor wir verstehen – und oft bleibt das Verstehen ein Geheimnis. In der Welt der Parfümerie gibt es Begriffe, die mehr sind als Fachjargon... DUFTCODES: DIE SPRACHE DER UNSICHTBARKEIT Foto: Lena Ruffinatto/Unsplash PROFILE 4/2025 21

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