SINN STATT GLÜCK: EIN NEUER FOKUS Ein zentraler Begriff in Martelas Denken ist „meaningfulness“, also Bedeutsamkeit oder Sinnhaftigkeit. Er unterscheidet klar zwischen dem bloßen „Wohlfühlen“ (hedonisches Glück) und einem tieferen, existenziellen Wohlsein (eudaimonisches Glück). Letzteres hängt stark mit Sinn und Identifikation zusammen – mit Tätigkeiten, die im Einklang mit unseren Werten stehen, Beziehungen, die uns wirklich etwas bedeuten, und Erfahrungen, die uns als Mensch wachsen lassen. Martela greift dabei Gedanken von Philosophen wie Viktor Frankl auf, der bereits im 20. Jahrhundert betonte, dass Sinn ein zentrales menschliches Bedürfnis sei – insbesondere in schwierigen Zeiten. Doch Martela bleibt nicht auf der abstrakten Ebene, sondern versucht, praktische Wege aufzuzeigen, wie Menschen ihr Leben als bedeutsamer erleben können – etwa durch kleine Akte der Freundlichkeit, durch Engagement für andere oder durch bewusste Entscheidungen, die das eigene Wertefundament stärken. Was Martelas Ansatz besonders macht, ist seine Verbindung von wissenschaftlicher Fundierung mit lebensnaher Reflexion. Seine Texte sind klar, verständlich und ohne belehrenden Ton – aber zugleich tiefgründig und voller Denkanstöße. Er spricht sich gegen die „Toxizität“ der heutigen Glücksindustrie aus, die Menschen suggeriert, dass sie nur dann „richtig leben“, wenn sie ständig gut drauf, produktiv und erfüllt sind. Stattdessen erinnert er an die ganz normalen, oft unspektakulären Quellen des Wohlbefindens: Echte Beziehungen, das Gefühl, gebraucht zu werden, kleine Erfolgserlebnisse, Zeit in der Natur – Dinge, die in keiner „Life-Hacks“-Liste auftauchen, aber für ein gutes Leben zentral sind. GLÜCK ALS NEBENPRODUKT EINES GUTEN LEBENS Ein wichtiger Gedanke, der sich durch Martelas Werk zieht, lautet: Glück ist eine Folge, nicht das Ziel. Menschen, die sich auf die Suche nach dem Glück begeben, verlieren es oft gerade dadurch aus den Augen. Wer sich hingegen auf Sinn, Verbindung und Verantwortung konzentriert, erlebt Glück ganz von selbst – manchmal leise, manchmal intensiv, aber nie erzwungen. Diese Sichtweise ist in gewisser Weise kontraintuitiv, gerade in einer Zeit, in der Apps, Podcasts und Coaches versprechen, das „Geheimnis des Glücks“ zu kennen. Martela stellt dem eine wohltuende Bescheidenheit entgegen – und die Einladung, sich selbst und das Leben nicht als Projekt, sondern als offenen, sinnstiftenden Prozess zu begreifen. Das heißt: Die Suche nach dem Glück beginnt nicht bei uns selbst – sondern bei dem, was wir für andere tun, was wir beitragen und wie sehr wir bereit sind, uns auf das Leben in all seinen Facetten einzulassen. Wer diesen Perspektivwechsel wagt, wird vielleicht nicht ständig glücklich sein – aber ganz sicher tiefer erfüllt. Frank Martela, Das HappinessParadox. Wie man Sinn und Zufriedenheit im Leben findet, ohne nach dem Glück zu suchen Knesebeck Verlag, 22 Euro Foto: Hide_Studio/AdobeStock 37 PROFILE 4/2025
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