Aus den Fachgruppen Reihe „Kamingespräche“ geht weiter Der Nervenkitzel der Enthüllung Die Fachgruppe Bundestag/Bundesrat hat ihre erfolgreiche Veranstaltungsreihe „Kamingespräche“ nach der parlamentarischen Sommerpause fortgesetzt. Spannend wurde es. Ende September lud die Fachgruppe zwei der renommiertesten Investigativjournalisten Deutschlands zur Diskussion ein. Thema war Enthüllungsjournalismus und wie man einen Skandal aufdeckt. Im Zentrum standen dabei die Fragen, wie man als Journalist von Missständen erfährt und wie der Prozess von den ersten Hinweisen bis zur Veröffentlichung verläuft. Als Diskutanten kamen Gunther Latsch vom Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und Jörg Schmitt von der „Süddeutschen Zeitung“. Latsch ist vor allem bekannt für seine exklusiven Enthüllungen zur Sommermärchen-Affäre des DFB, zur Affäre Esch-Middelhoff, zur HSH-Nordbank, zur Entführung der Block-Kinder, zu den Skandalen um Organhandel in Kenia für deutsche Patienten und zur sogenannten Maskendeal-Affäre rund um den ehemaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Schmitt, ebenfalls viele Jahre Investigativredakteur beim „Spiegel“, seit 2020 Redakteur bei der „SZ“, ist vor allem bekannt für seine Enthüllungen ebenfalls zur SommermärchenAffäre des DFB, zu den Geschäften rund um den russischen Oligarchen Usmanow, zur Affäre Wirecard und zum Verschwinden von deren Ex-Chef Marsalek, zum Anschlag auf Nord Stream 2 und zu russischen Sabotage- und Spionageakten. Gekommen waren auch zahlreiche Mitglieder anderer Fachgruppen, etwa des Bundespresseamts, sodass eine illustre Runde spannende 90 Minuten erlebte. Zu den Gästen zählte auch der Bundesjugendvertreter des vbob, Yannik Bayerle, und sogar Bundesrichter Till Oliver Rothfuß vom Bundesverwaltungsgericht kam aus Leipzig angereist. Rothfuß war selbst schon Diskutant bei einem Kamingespräch im vergangenen Winter. < Menschen zum Reden bringen, Missstände aufdecken Hautnah erfuhren die Gäste, wie Profis Quellen erschließen und Menschen zum Reden bringen über Dinge, die eigentlich geheim bleiben sollen. Umgekehrt aber auch, wie sich Menschen an Journalisten wenden, die einen Missstand, Ungerechtigkeiten oder illegale Machenschaften melden wollen, aber Sorge vor ihrer Enttarnung haben. Viel Geduld und hohe Frustrationstoleranz müsse man als Enthüllungsreporter mitbringen, erklärte Jörg Schmitt. Von fünf Storys ließen sich in der Regel zwei wirklich verifizieren. Oft meldeten sich auch Verschwörungstheoretiker und andere Querulanten. Doch die Kunst sei es, genau aus all dem Wust diejenigen Themen und Fälle zu identifizieren, hinter denen sich wirklich eine gute und relevante Story verbirgt. Relevanz sei das Stichwort, erläuterte Gunther Latsch. Eine Geschichte müsse vor allem Relevanz haben, um veröffentlicht zu werden. Dann sei er auch bereit, sich instrumentalisieren zu lassen, etwa für persönliche Rache eines Whistleblowers. Denn Rache oder Frustration seien zwei sehr klare Motive, mit denen man als Journalist arbeiten könne; da man wisse, woran man sei. < Vertrauen über Jahre gewachsen Beide schilderten auch, dass manche vertraulichen Kontakte über Jahre beziehungsweise Jahrzehnte wachsen, sodass gegenseitiges Vertrauen vorhanden sei. Auch zur gemeinsamen Recherche zum gekauften Sommermärchen des DFB nahmen die Experten Stellung und gaben Einblicke, wie die ganze Recherche begann. Latsch berichtete zur Frage der Motivation einer Quelle von einem Mann, den er nach vielen Jahren einmal fragte, warum er das tue, immer neue vertrauliche Papiere durchzustechen. Die Quelle antwortete demnach, es mache Spaß, dieser Nervenkitzel und die Freude, montags im Spiegel etwas zu lesen, wohinter man selbst stecke. Schmitt beschrieb seine Recherche zur Sprengung von Nord Stream 2 und wie er sich sogar zeitweilig mit dem stellvertretenden Chefredakteur der ZEIT, Holger Stark, austauschte, der auch daran arbeitete. Die Recherche sei ungewöhnlich hart gewesen. Auch Stark war übrigens schon Gast bei einem Kamingespräch im vergangenen Jahr. < Andere Zeiten Beide erläuterten auch die presse- und strafrechtlichen Dimensionen ihrer Arbeit und kritisierten, dass viele Journalisten darin nicht geschult seien. Überhaupt seien die Zeiten heute andere; durch den 24-Stunden-Rhythmus von Websites und die Mehrfachverwertung in den sozialen Medien bestehe kein Raum mehr, um sich mal für einige Wochen nur einer gezielten Recherche zu widmen. Umso wichtiger, dass es in der deutschen Medienlandschaft noch mutige Journalisten dieses Kalibers gibt. Alexander Linden <Jörg Schmitt, Süddeutsche Zeitung und Gunther Latsch, Der Spiegel, gaben interessante Einblicke in ihre Arbeit. © FG Bundestag/Bundesrat (2) 8 vbob Gewerkschaft Bundesbeschäftigte vbob Gewerkschaft Bundesbeschäftigte > vbob Magazin | November 2026
RkJQdWJsaXNoZXIy Mjc4MQ==