vbob Magazin 9/2026

fachlichen Einschätzungen der pädagogischen Fachkräfte, die Kinder über längere Zeit begleiten. Damit begonnene Maßnahmen über den Schuleintritt hinaus fortgeführt werden können, müssen Kitas, Grundschulen und Eltern eng zusammenarbeiten. Im Mittelpunkt muss dabei das Kind mit seinen Stärken, Interessen und Entwicklungsmöglichkeiten stehen, nicht die Suche nach Defiziten. Das gilt auch für mehrsprachig aufwachsende Kinder. Mehrsprachigkeit ist eine Ressource und darf nicht pauschal als Förderbedarf gewertet werden. Zugleich greift eine Beschränkung auf sprachliche Fähigkeiten zu kurz. Auch soziale, emotionale, körperliche und geistige Entwicklungsbereiche gehören zu einem ganzheitlichen Bildungsverständnis. Dass der Gesetzentwurf daran grundsätzlich festhalte, bewertet der dbb positiv. „Sprachbildung gehört zum Kernauftrag der Kitas und findet jeden Tag statt. Die Kolleginnen und Kollegen begleiten Kinder, fördern Sprache und unterstützen Entwicklung. Wer die frühe Bildung ernst nimmt, muss deshalb in die Menschen investieren, die diese Arbeit leisten, und in die Rahmenbedingungen, die sie ermöglichen“, betont Fleischmann. Für den dbb ist deshalb die strukturelle Qualität in der frühkindlichen Bildung von zentraler Bedeutung. Dazu zählen ausreichend qualifizierte Fachkräfte, angemessene Fachkraft Kind Schlüssel, hochwertige Aus und Fortbildungsangebote sowie Zeit für Beobachtung, Elternarbeit und weitere pädagogische Aufgaben. Der Entwurf benennt zentrale Qualitätsbereiche, regelt dafür aber keine verbindlichen und bundesweit vergleichbaren Standards. Hinzu kommt, dass die Bundesbeteiligung schrittweise zurückgeht und 2034 ausläuft, während die neuen Anforderungen dauerhaft gelten sollen. Nachhaltige Qualitätsentwicklung lässt sich jedoch nicht auf eine sinkende und befristete Finanzierung stützen. Ob die vorgesehenen Verfahren die gewünschte Wirkung entfalten, wird sich an der Qualität der pädagogischen Arbeit bemessen. Deshalb müssen die Einrichtungen dauerhaft personell und strukturell gestärkt werden. Daten müssen im Unterricht ankommen Während in der frühkindlichen Bildung verstärkt auf eine frühere Erkennung von Förderbedarfen gesetzt wird, richten sich im Schulbereich viele Erwartungen auf die datengestützte Schul und Unterrichtsentwicklung. Dabei sollen Informationen zu Lernständen und Lernprozessen systematisch ausgewertet werden, um daraus konkrete Schlussfolgerungen für Unterricht und Förderung abzuleiten. Der dbb möchte sich solchen Verfahren nicht grundsätzlich verschließen, fordert aber zunächst Klarheit über ihr pädagogisches Ziel. „Am Anfang muss die Frage stehen, was mit den Daten für die Schülerinnen und Schüler erreicht werden soll. Sie sind dann sinnvoll, wenn sie Lehrkräften helfen, Unterricht und Förderung besser auf deren Bedürfnisse abzustimmen. Entscheidend ist nicht, wie viele Daten vorliegen, sondern ob sie im Schulalltag einen konkreten und unmittelbaren pädagogischen Mehrwert schaffen“, sagt Susanne Lin Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands (DPhV) und der dbb Fachkommission Schule, Bildung und Wissenschaft. Lehrkräfte arbeiten bereits heute mit einer Vielzahl von Beobachtungen, Rückmeldungen und Lernstandsinformationen. Es geht daher weniger um zusätzliche Erhebungen als um eine verständliche und praxistaugliche Aufbereitung vorhandener Erkenntnisse. Die pädagogische Verantwortung muss bei den Lehrkräften bleiben. Daten können ihre Entscheidungen unterstützen, das professionelle Urteil jedoch nicht ersetzen. Sie bilden niemals die gesamte Entwicklung eines Kindes oder Jugendlichen ab. Maßgeblich bleibt der ganzheitliche Blick auf die Schülerinnen und Schüler, ihre individuellen Lernwege und die jeweiligen Rahmenbedingungen. Spielräume für neue Verfahren „Die Anforderungen an Schulen wachsen seit Jahren. Lehrkräfte sollen individuell fördern, Unterricht weiterentwickeln, Schulentwicklung gestalten und zugleich immer neue Dokumentationspflichten erfüllen. Der bestehende Lehrkräftemangel verschärft diese Situation zusätzlich. Wer neue Aufgaben schafft, muss dafür sorgen, dass an anderer Stelle entlastet wird“, fordert Susanne Lin Klitzing. Neue Instrumente müssen deshalb mit einer konsequenten Überprüfung bestehender Anforderungen einhergehen. Berichtspflichten, Dokumentationsvorgaben und bisherige Verfahren sind daraufhin zu prüfen, ob sie vereinfacht, gebündelt oder gestrichen werden können. Neue Erkenntnisse dürfen nicht mit zusätzlicher Bürokratie einhergehen. Beide Vorhaben setzen auf eine systematischere Erhebung und Nutzung von Daten. Damit lassen sich Unterstützungsbedarfe genauer erfassen. Für bessere Bildungschancen reicht das allein jedoch nicht aus. Entscheidend ist, dass aus den gewonnenen Erkenntnissen verlässliche Förderung entsteht. Der dbb knüpft die Vorhaben deshalb an klare Voraussetzungen: Die Verfahren müssen praxistauglich sein, die Beschäftigten unterstützen und mit den notwendigen Ressourcen unterlegt werden. Denn nicht Tests oder Datensätze verbessern die Chancen von Kindern und Jugendlichen, sondern Fachkräfte, die Erkenntnisse in wirksames pädagogisches Handeln übersetzen. jos © Krakenimages.com stock.adobe.com 36 FOKUS vbob Magazin | dbb seiten | September 2026

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