vbob Magazin 9/2026

BLICKPUNKT Schutz der Demokratie „Reflektieren ist das Allerwichtigste!“ Gefühlte Wahrheiten, mit denen die AfD um Stimmen wirbt, seien keine Fakten, unterstreicht Sally Lisa Starken. Im Interview beschreibt die Journalistin Strategien autoritärer Parteien und schildert, worauf es beim Schutz der Demokratie ankommt. Ihr schwierigstes Buchprojekt, das sie bisher umgesetzt hat, war ein Kinderbuch. „Wir benutzen ganz viele Begriffe und gehen davon aus, dass wir sie verstanden haben“, sagt Sally Lisa Starken. „Wer ein Kinderbuch schreibt, muss alles auf den Kern herunterbrechen. Und dann stellt man mitunter fest, dass es doch gar nicht so einfach ist.“ Starken ist ausgebildete Rechtspflegerin, heute arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin. Der Titel ihres Kinderbuchs lautet „Was ist eigentlich Demokratie?“. Es erzählt die Geschichte einer Wahl – nämlich der Entscheidung, ob vor einem Haus an einem fiktiven Ort ein Spielplatz oder ein Gemüsebeet entstehen soll. Die Botschaft: „Kinder sollen von Anfang an das Gefühl bekommen, dass ihre Stimme zählt und niemand einfach über ihren Kopf hinweg entscheiden kann.“ Starken schreibt auch für Erwachsene. Für ihr aktuelles Buch „Wenn der rechte Rand regiert“ ist sie unter anderem in die USA gereist, um sich ein Bild davon zu machen, wie die Trump Regierung die amerikanische Gesellschaft und den Staat umgestaltet. Ein Thema, mit dem wir uns auch in Deutschland befassen müssen, betont die Autorin. Frau Starken, in den Umfragen liegt die AfD aktuell bei bis zu 29 Prozent, in Sachsen-Anhalt sogar bei über 40 Prozent. Die Gründe, weshalb Menschen die Partei wählen, sind vielfältig. Was ist Ihre Erklärung? Insgesamt ist das Thema sehr komplex. Es gibt viele Ebenen, die eine Rolle spielen. Grundsätzlich führen soziale und wirtschaftliche Probleme dazu, dass Menschen nach einfachen Antworten suchen. Sie sehnen sich nach Sicherheit. Die AfD hat das verstanden und ihre Kommunikation daraufhin optimiert, um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden. Sie gibt allen, die sich unsicher fühlen, das Gefühl, gesehen und gehört zu werden. So entsteht ein „Wir Gefühl“. Von diesem „Wir“ grenzt sie „die anderen“ ab. Das sind alle, die – aus Sicht der AfD – für die aktuellen Krisen verantwortlich sind, sozusagen die Schuldigen. Zentral ist auch, dass autoritäre Kommunikation auf Emotionen baut und eine gefühlte Wahrheit vermittelt. Emotionen rücken in den Vordergrund, Fakten in den Hintergrund. Die AfD mobilisiert, weil sie einfache Antworten und ein vermeintliches Sicherheitsgefühl liefert. Sie haben für Ihre Recherche mit vielen Menschen gesprochen, die die AfD wählen. Welche Begegnung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? Zunächst ist mir wichtig: Ich habe nicht mit erkennbaren Rechtsextremen gesprochen, die ideologisch gefestigt sind, sondern mit Menschen, die früher einmal demokratisch gewählt haben. Am meisten bewegt hat mich das Gespräch mit einer jungen Frau in Görlitz, die mitten im Leben steht. Sie ist verheiratet, sie und ihr Mann haben feste Jobs, ein Eigenheim und Kinder. Also eigentlich alles gut, sollte man denken. Trotzdem hat sich die Frau in ihrem Umfeld bedroht gefühlt. Ihrer Meinung nach kommen zu viele Menschen aus Polen nach Deutschland. Sie hat Angst, dass andere ihr etwas wegnehmen. Dieses Muster ist mir oft begegnet. Zukunftsangst ist ebenfalls ein Grund, weshalb Menschen AfD wählen. Mich beschäftigt, dass viele eigentlich ein gutes Reflexionsvermögen besitzen, aber trotzdem ausblenden, dass es sich um eine autoritäre Partei handelt. In Ihrem aktuellen Buch „Wenn der rechte Rand regiert“ beschreiben Sie, wie Autoritäre den Staat umgestalten. Wie machen sie das? © Daniel Dittus Sally Lisa Starken FOKUS 27 vbob Magazin | dbb seiten | September 2026

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